Tanja Suter
Dienstag, 1. August 2017

Friede - ein hohes Gut

Ansprache Bundesfeier Hellikon 2017 von Grossrätin Tanja Primault-Suter (Es gilt das gesprochene Wort)


Liebe Schweizerinnen und Schweizer, geschätzte Gäste

Zuerst möchte ich mich ganz herzlich für die Einladung bedanken. Als halbe Hellikerin, und darauf bin ich stolz, meine Mutter ist von hier, ist es für mich eine besondere Ehre hier in Hellikon an der Bundesfeier ein paar Worte an euch richten zu dürfen. Ich verbinde viele schöne Kindheitserinnerungen mit Hellikon. Wir, meine Geschwister und ich, kamen oft zu Besuch hier zu den Grosseltern und sie haben auf uns aufgepasst, wenn meine Mutter bei Götti gearbeitet hat an den Mittwochnachmittagen erkundeten wir alles im Haus, Göttis Büro und Vatis Schreinerwerkstatt, und um das Haus, die Laube, den nahen Wald und vieles mehr. Seit dann sind schon ein paar Jahre vergangen.
Aber noch viel viel länger ist es her seit dem Ursprung, der Gründung der Eidgenossenschaft im Jahr 1291. Und deshalb sind wir heute auch hier. Wir feiern heute den 726. Geburtstag der Schweiz, unseres Landes, unserer Heimat.
Wir haben das Glück in einem wunderschönen Land leben zu dürfen, einerseits von der Landschaft her, hier bei uns mit den schönen Hügeln, den Juraausläufern, die sich wunderbar zum Joggen oder Velofahren eignen. Wir haben Seen, die Berge im Alpenraum, Flüsse, wir sind das Wasserschloss Europas, Wälder, die 4 Jahreszeiten, eine intakte Natur, auf der anderen Seite eine gute Infrastruktur, ein gutes für alle zugängliches Bildungssystem, Innovation, eine konstant tiefe Arbeitslosigkeit, kurz, ein funktionierender Staat und Frieden, es geht uns gut. Wir leben in Frieden.
Als ich mir Gedanken gemacht habe für diese Bundesfeier, im Vergleich zu anderen Ländern habe ich mich gefragt, wieso ist bei uns vieles besser als in anderen Staaten. Das hat mir wieder einmal vor Augen gehalten, dass das, was wir hier haben, nicht selbstverständlich ist und dieser Wohlstand auch viele Leute anlockt um hier zu leben.
Ein Geburtstag oder ein Jubiläum ist immer Anlass für einen Blick zurück in die Vergangenheit. Ein Blick in die Schweizergeschichte zeigt, dass auch in unserem Land nicht immer alles so friedlich war. Damit möchte ich nicht sagen, dass heute alles besser ist als früher. Aber wir Schweizerinnen und Schweizer haben das Glück, dass wir schon lange nicht mehr in Kriege involviert waren.
Wenn man die Geschichte der Schweiz betrachtet, war ein grosser Teil der 726 Jahre nicht von Frieden geprägt und die Menschen lebten in Angst. Auch hier lebten die Menschen zum Teil in Angst. So fand nicht weit von hier, 1444 die Schlacht von St. Jakob an der Birs gegen Frankreich, mit etwa 20‘000 Beteiligten statt, im gleichen Zeitraum kam es zu Belagerungen im Fricktal. Die kriegerischen Habsburger hatten ihre Stammburg ganz in der Nähe, in Habsburg, bei Brugg im Aargau.
1476 die drei Schlachten in Grandson, Murten und Nancy gegen die Burgunder mit je ca. 40‘000 Beteiligten.
1515 die Schlacht bei Marignano, wo 10‘000 Eidgenossen fielen.
1798 der Einfall der Franzosen, die Zeit von Napoleon, als die Schweiz Nahrung für die Truppen, aber auch selber Männer für Napoleons Heer stellen musste. Dann 1847 der Sonderbundkrieg, der letzte Krieg auf Schweizerboden.
Und schliesslich der Aktivdienst zur Grenzsicherung während dem 1. und 2. Weltkrieg, wo irrtümlich Angriffe auf Schweizergrenzstädte durch die Allierten verübt wurden.
Ich habe jetzt nur ein paar genannt. Es gab noch viele Schlachten und Kriege in welche die Eidgenossen involviert gewesen waren, wo Menschen für unser Land ihr Leben gegeben haben.
Die meisten von uns kennen die Schweizergeschichte oder zumindest Teile aus dem Geschichtsunterricht in der Schule, die Schlacht am Moorgarten oder die Geschichte um den Zürcher Rudolf Brun, der es schaffte sich mit den Waldstätten gegen die Habsburger zu behaupten.
Wenn ich mir versuche vorzustellen, wie es war in diesen Zeiten zu leben, wenn sich Konflikte zu kriegerischen Auseinandersetzungen ausweiteten, wenn man in ständiger Angst lebt vom Nachbarland überfallen zu werden, wie es während dem 2. Weltkrieg der Fall war. Können wir einfach nur froh sein, dass wir in Frieden leben dürfen.
Oder die Leute, die dann tatsächlich mit Hellebarte oder auch nur mit der Mistgabel in den Krieg gezogen sind und nicht wussten, ob sie ihr Heim und die Familie jemals wiedersehen würden. Man muss sich bewusst sein, dass es Leute gab, die für die Eidgenossenschaft, für uns, unsere Heimat gestorben sind. Etwas, was man sich heute kaum mehr vorstellen kann, in einer Zeit, in der sich ein Drittel der Wehrpflichtigen für militäruntauglich erklären lässt.
Gewisse Leute würden mir entgegnen, dass früher viel mehr Kriege geführt wurden, heute es sei es eine friedliche Zeit.
Gerade im Zusammenhang mit dem Militär hört man immer wieder den Satz „Die Schweiz braucht keine Armee mehr, wer sollte die Schweiz schon angreifen‘“. Aus meiner Sicht ist dies ein Trugschluss, denn wenn man über die Landesgrenzen hinausschaut, herrscht selbst in Europa Krieg. Zum Beispiel der Konflikt in der Ukraine oder vor ein paar Jahren in Georgien. Der Balkankrieg in den 90er-Jahren, die Schweizer KFOR-Truppen sind immer noch im Kosovo um dort den Frieden zu sichern. Oder die Kriegskonflikte im Nahen Osten, aktuell gerade Syrien. Diese Konflikte bekommen wir durch die Flüchtlingsströme zu spüren. Wir befinden uns überhaupt nicht in friedlichen Zeiten. In einem friedlichen Land zu leben ist also absolut keine Selbstverständlichkeit.
Aber was bedeutet dieser Friede für uns?
Wohlstand, wir können uns auf unsere persönlichen Ziele und Freuden konzentrieren, wir machen Weiterbildungen, gehen in die Ferien, können eigene Träume in den Vordergrund stellen, wir können auf Stabilität zählen
Dies ist einer der wichtigsten Gründe, wieso Firmen und Organisationen ihren Sitz in der Schweiz haben und hier investieren. Grundbedürfnisse sind abgedeckt, wir haben alles, was es zum Leben braucht.
Wir sehen also, wir haben ein grosses Glück und es ist keine Selbstverständlichkeit, dass unser Land schon viele Jahre keinen Krieg mehr durchmachen musste, wie die Schweizer Geschichte zeigt.
Wieso haben wir schon so lange keinen Krieg mehr gehabt? Was können wir tun, dass das so bleibt?

Ein wichtiger Punkt ist sicher der soziale Friede im Land, so dass es zu keinen grossen Querelen zwischen der Bevölkerung im Land kommt. Das haben wir sicher zu einem grossen Teil der Wirtschaft und unseren Sozialwerken zu verdanken. Dahinter steht ein Prozess. Im November 1918 stand die Schweiz kurz vor einer Revolution. Viele Menschen waren unzufrieden mit der Arbeit und den politischen Verhältnissen. Der Generalstreik wurde ausgerufen. Der Landesstreik wurde nach 4 Tagen mit Hilfe des Militärs abgebrochen, und die Politik sah ein, dass es Reformen braucht, die Sozialwerke wurden aufgebaut. Die AHV, dass man im Alter auch ein gesichertes Einkommen hat, oder die Invalidenversicherung, die einem unterstützt, wenn man nicht mehr arbeiten kann, zum Beispiel nach einem Unfall oder die Arbeitslosenversicherung. Jetzt gilt es die Sozialwerke so halten zu können und sie vor Missbrauch zu schützen. Stichwort Einwanderung in unsere Sozialwerke.
Wir Schweizer haben ein grundsätzlich positives Verhältnis zum Staat. Jeder weiss, dass wenn man arbeitet, es zu etwas bringt. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf und der Sicherheit, dass man auch in schwierigen Situationen vom Staat nicht im Stich gelassen wird (IV, ALV), sorgt für die Zufriedenheit. Wenn man auch oft hört, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander gehe, werden in der Schweiz arme Menschen unterstützt, es muss niemand auf der Strasse betteln gehen. Diese Zufriedenheit führt auch dazu, dass in der Schweiz viel weniger gestreikt wird als in verschiedenen Nachbarländern. Dies lockt Firmen in die Schweiz, die wiederum Wertschöpfung schaffen.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Neutralität. Ich gehe hierfür in der Geschichte ein paar Jahrhunderte zurück, zum Ursprung der Neutralität. 1481 drohte die achtörtige Eidgenossenschaft auseinanderzufallen. Da wurde Niklaus von Flüe, der Schutzheilige der Schweiz aufgesucht, der unter anderem den Rat erteilte sich nicht in fremde Händel einzumischen, sprich neutral zu sein. Seit dem Wiener Kongress vor 200 Jahren, 1815 gilt die Schweiz als neutrales Land. Mit diesem Rat ist die Schweiz im ersten und zweiten Weltkrieg gut gefahren. Für mich grenzt es heute noch an ein Wunder, wenn ich die Europakarte anschaue zur Zeit vom 2. Weltkrieg, die Schweiz umgeben von kriegführenden Ländern und wie durch ein Wunder bleibt unser Land verschont. Sicher hat dies mit einer geschickten Militär- und Aussenpolitik zu tun. Heute wird die Neutralität viel stark ausgereizt. Ich bin aber sicher, wir täten gut daran weiter strikte an der Neutralität festzuhalten. Sei es um bei Konflikten zwischen anderen Staaten zu vermitteln oder um uns vor Repressionen zu schützen. Schön ist hier das Bild des Igels, der zwar seinen Stachelpanzer hat, aber niemals angreifen würde.

So paradox es tönen mag, ist für mich die Armee ein weiterer sehr wichtiger Garant für den Frieden. Wie bereits gesagt, hört man heutzutage häufig, dass die Schweiz kaum mehr in einen Krieg verwickelt werden wird und die Armee getrost abgeschafft werden könnte. Dem widerspreche ich vehement. Wie mein Rückblick in die Vergangenheit zuvor und der Ausblick in die Welt gezeigt hat, herrschen keineswegs friedliche Zeiten und niemand kann sagen, wann auch im Herzen von Europa wieder bewaffnete Konflikte aufkommen. Heute spricht man häufig von der Gefahr asymmetrischer Konflikte – das bedeutet, dass nicht Armeen gegeneinander kämpfen, sondern z.B. Terrorzellen einen Anschlag verüben. Auch wenn ich sehr hoffe, dass die Schweiz auch in Zukunft von Terroranschlägen vorschont sein wird, kann man solche nicht ausschliessen. Aber auch konventionelle Kriege finden immer wieder auf der ganzen Welt und insbesondere in Europa statt (siehe Ukraine). Deshalb warne ich davor, die Armee tot zu sparen oder sie gar ganz abzuschaffen. Die Armee ist die einzige strategische Reserve, die in Krisenzeiten – seien es Naturkatastrophen, Terroranschlägen, inneren Unruhen oder konventionellen militärischen Konflikten – eingesetzt werden kann. Diese Reserve – diesen Schutz aufzugeben, wäre für mich ein massiver Sicherheitsverlust für Land und Leute.
Ihr seht also, der Friede, der für uns einen so grossen Wert hat, ist alles andere als selbstverständlich, auch in Zukunft muss man etwas tun, um den Frieden wahren zu können. Friede ist kein Selbstläufer, es braucht weiterhin unsere Neutralität, die uns aus fremden Händeln hält. Es braucht einen gerechten Sozialstaat, der die Eigenverantwortung hochhält. Und es braucht eine starke, jederzeit einsatzbereite Armee, auf die wir uns in jeder Situation verlassen können.
Es ist ein grosses Glück hier geboren zu sein. Es ist aber auch eine Aufgabe unsere schöne Heimat für die kommenden Generationen zu bewahren. Danken wir Gott, dass wir in einem so schönen und sicheren Land wie der Schweiz in Frieden leben dürfen. Denn das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Privileg!
In diesem Sinne wünsch ich euch und euren Familien morgen einen schönen 1. August!